Das Unterhaltungsstück um 1800

Forum für deutschsprachiges Drama und Theater in Geschichte und Gegenwart – Band 1
(Hg. v. Johannes Birgfeld & Claude D. Conter):

Das Unterhaltungsstück um 1800

Literaturhistorische Konfigurationen – Signaturen der Moderne

Zur Geschichte des Theaters als Reflexionsmedium von
Gesellschaft, Politik und Ästhetik

Hanover: Wehrhahn Verlag 2007

Die Jahrzehnte um 1800 sind in der Geschichte des deutschsprachigen Theaters eine lebendige und prägende Epoche: Im Anschluss an die Nationaltheaterbewegung entstehen seit den 1770er Jahre in vielen deutschen Städten die ersten stehenden Schaubühnen. Erstmals entwickelt sich breitflächig ein professioneller Sprechtheaterbetrieb. Der Bedarf an Stücken ist enorm, auch weil das Theaterpublikum stetig wächst. Frauen nutzen die sich bietende Chance zum Einstieg in den literarischen Markt. Zugleich entsteht ein neuer Autorentypus, der des Unterhaltungsdramatikers. Nicht Goethe oder Schiller, sondern Dramatiker wie August Wilhelm Iffland und August von Kotzebue beherrschen mit ihrem hohen Ausstoß immer neuer Stücke die deutschen Bühnen. Ihre Werke wurzeln fest in der Ethik und Ästhetik der Aufklärung. Als Theaterleiter oder Berufsautoren sind sie zugleich auf regelmäßige Publikumserfolge angewiesen. Ihre Adressaten sind jene Vertreter der gebildeten Mittelschichten, die Geld und Zeit für regelmäßige Theaterbesuche besitzen und vom Theater eine Mischung aus Unterhaltung und Belehrung erwarten.

Das Unterhaltungstheater stellt mit seiner Orientierung am Publikum und den praktischen Erfordernissen des Theaterbetriebes eine Herausforderung für schreibende Zeitgenossen dar. Auch sein Festhalten an Grundsätzen der Aufklärungsepoche, die um 1800 endgültig zu Ende geht, ruft unter der literarischen Avantgarde, sie sich am Konzept der Weimarer Klassik oder an der sich seit der Jahrhundertwende formierenden (Früh-)Romantik orientiert, mitunter heftige Reaktionen hervor. Es beginnt eine bis heute andauernde Abwertung des so genannten Unterhaltungstheaters um 1800, die allerdings zumeist übersieht, dass das Publikum dieser Stücke weder ungebildet war oder noch bildungsfern lebte; dass seine Autoren ambitionierte poetologische Programm verfolgten; dass sein Erfolg nahe legt, es habe durchaus Themen von hoher Relevanz auf eine für das Publikum produktive Weise behandelt.  

Der vorliegende Band hat das Ziel, das Genre und die Konzeption des Unterhaltungstheaters um 1800 neu zu profilieren. Zu diesem Zweck gehen die einzelnen Studien dem produktiven Beitrag des Unterhaltungstheaters zum politischen Diskurs des späten 18. Jahrhunderts nach, untersuchen die Bühnenunterhaltung als reflexives Medium sozialer Wirklichkeiten, beleuchten den Beitrag weiblicher Autorinnen zum Genre wie die Debatte um Genderrollen auf der Unterhaltungsbühne und akzentuieren das Unterhaltungstheater im Kontext der ästhetischen Debatten um 1800.

Inhalt: 

Vorbemerkung

Johannes Birgfeld / Claude D. Conter: Das Unterhaltungsstück um 1800. Funktionsgeschichtliche und gattungstheoretische Vorüberlegungen (VII)         

I.   Rebellion, Revolution und der Beitrag des Unterhaltungstheaters zum politischen Diskurs um 1800
Norbert Otto Eke: Schreckbilder: Die Revolution als Aufstand der ›schwarzen Männer‹ (3)
Jan Roidner: »Ist aber ein Fürst nicht allgemeiner Vater, so ist er allgemeiner Feind«. Der Herbst der Patriarchen: Joseph Marius Babos scheiternde Rebellen (30)     

II. Bühnenunterhaltung als reflexives Medium sozialer Wirklichkeiten
Sandro Jung: August von Kotzebue’s Realism and Societal Satire in Die deutschen Kleinstädter  (65)
Johannes Birgfeld: Medienrevolutionen und gesellschaftlicher Wandel. Das Unterhaltungstheater als Reflexionsmedium von Modernisierungs-prozessen (81)

III. Väter, Mütter, Töchter und Familien, oder: Oikos und Gender auf dem unterhaltenden Theater
Michael Niehaus: Voreilige Reden, zurückgehaltene Worte. Familienkommunikation bei Iffland (121) 
Martin Kagel: »Unglückliche Weiber haben wir heutiges Tages ohnehin genug«. Erziehung der Geschlechter in Marianne Ehrmanns Leichtsinn und gutes Herz (144)     
Elin Nesje Vestli: »Nun schrieb ich und schrieb glücklich – das heißt meine Stücke gefielen«. Johanna Franul von Weißenthurn und das Lustspiel um 1800 (166)     

IV. Poetik und Poetologie des Unterhaltungsdramas im Wandel
Claudia Nitschke: Unterhaltung im Dienst politischer Ideen. Ludwig Achim von Arnims Schattenspiel Das Loch, oder: das wiedergefundene Paradies (189)
Stephan Kraft: Identifikatorisches Verlachen – distanziertes Mitlachen. Tendenzen in der populären Komödie um 1800 (Iffland – Schröder – Kotzebue – von Steigentesch – von Voß) (208)
Claude D. Conter: August Klingemanns Theaterreform. Zur Bedeutung Schillers und der Frühromantik für die Neubegründung des Unterhaltungsdramas um 1800 (230)

Hinweise zu den Autoren (269)

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